WhatsApp-Alternative? - Gibt es seit 30 Jahren

Groß war die Unruhe als Facebook im Februar 2014 für eine schier unglaubliche Summe WhatsApp übernahm. Zu dem unguten Gefühl von staatlicher Seite in scheinbar beliebigem Maß ausgespäht werden zu können gesellte sich damals das Bewusstsein intimen Gedankenaustausch über einen monströsen privatwirtschaftlichen und amerikanischen Datenaggregator abzuwickeln. Für die einen, die das komfortable WhatsApp bereitwillig zum Quasi-Standard für plattformübergreifendes instant Messaging haben werden lassen, änderte sich dadurch nicht viel. Andere jedoch hielten spätestens dann nach Alternativen Ausschau.

Cartoon

toonpool.com, (c) 2014 Schwarwel

Die Suche nach Alternativen

Abgelöst wurde WhatsApp nicht. Trotz vieler Erörterungen und Bewertungen zu alternativen Messaging-Apps, waren sie entweder zu ähnlich (Line, Viber, Facebook Messenger, Hangouts) oder es mangelte jeder doch mindestens an einer funktionierenden Verschlüsselung (Hike), überprüfbaren Quellcode (Threema, Telegram), dem Vorhandensein für alle Plattformen (TextSecure), einem Registrierungsprozess der nicht das Telefonbuch ausließt (Telegram), mangelnden Multi-Media-Fähigkeiten (Surespot), dem Zugriff auf die Kommunikation vom PC oder einem kostenlosen Zugang (Threema). Für einige stellte das einen schnellen technischen KO dar, führte aber mindestens dazu, dass keine der alternativen Anwendungen die kritische Benutzermasse für „das nächste große Ding“ gewinnen konnte.

Einige sind sowieso der Meinung, dass die Abwicklung der Kommunikation über ein proprietäres, also appspezifisches Protokoll nicht zukunftssicher ist. Folgt man diesem Pfad, landet man bei XMPP. Dies ist ein mächtiges Chat-Protokoll, für das es viele Clients gibt. Xabber und ChatSecure sind die ansehnlicheren für Android. Quelloffene Komponenten, Verschlüsselung, Gruppenchat, File-Transfer – all dies ist möglich. Es bestehen aber gewisse Hürden für die weitere Verbreitung. Zum einen ist eine Anmeldung bei einem XMPP/jabber-Server erforderlich, wobei die Installation eines solchen Servers (wenn man seinen Anspruch soweit ausbauen möchte) nicht einfach ist. Ferner hängt die Funktionalität teilweise von den Modulen des Protokolls ab, die auf dem Server installiert sind. Was aber wirklich nervt, ist die mangelnde Synchronisation zwischen verschiedenen Clients. Ich kann mich mit meinem XMPP-Konto auch am Rechner anmelden und schreiben, aber die Nachrichten, die ich kurz vorher am Handy geschrieben habe, erscheinen nicht. Auch die Verschlüsselung, die nicht unbedingt dezent im Hintergrund arbeitet, sondern nach einem Pairing oder dem Onlinesein des Gegenübers verlangt, kann nerven. Ich habe das mit einem Freund (bei ihm iOS) ernsthaft getestet, aber nach einigen Wochen mit vielen Schnitzern und Überzeugungsarbeit, haben wir uns der Sache abgewendet.

Inzwischen gibt es bei WhatsApp eine Art Verschlüsselung und durch den Zugriff per Browser ist die Benutzung noch angenehmer geworden. Dennoch ist der Gedanke an eine Alternative bei mir zumindest noch nicht völliger Resignation zum Opfer gefallen. Es läuft schließlich immer noch über Server auf denen einzig und allein Facebook das Sagen und fremde Organe u.U. Zugriff haben. Und spätestens seit den oben beschriebenen Entwicklungen gibt es ein paar Querulanten, bei denen man maximal per Steinzeit-Messaging-Service (SMS) etwas wird, wenn man nicht fünf weitere Messaging-Apps installieren möchte. Kürzlich kam mir der Gedanke stattdessen etwas zu verwenden, was es schon seit Urzeiten des Internets gibt.

Da war doch was

FirstEmailComputers

Die beiden Rechner zwischen denen 1971 die erste E-Mail versendet wurde (c) Dan Murphy via history-computer.com

Die Rede ist von der E-Mail, in Deutschland seit 1984 präsent und nicht tot zu kriegen. Im Geschäftsleben geht es nicht ohne und auch privat bleibt die elektronische Post beliebt. E-Mail ist Leistungsfähig. Der Service ist plattformübergreifend verwendbar, Der Versand von eingebetteten und angehängten Dateien ist möglich, Gruppenkonversation keine Besonderheit und es bestehen verschiedene Optionen zur Verschlüsselung. Das Beste: Wirklich jeder hat irgendeinen Account, sogar meine Großeltern sind per E-Mail erreichbar.

In erster Linie assoziieren die meisten die E-Mail am ehesten mit einem Brief: Man tippt einen Empfänger, einen Betreff, eine Anrede, viel Text, eine Grußformel und eine Signatur. Eine E-Mail hat Gewicht und scheint den hingeschleuderten Sprachbrocken des Instant Messagings diametral gegenüber zu stehen, könnte man meinen. Der im Gesschäftsleben sprichwörtlich gewordene, allessagend dem Kollegen hingeworfene “Zweizeiler”; relativiert dies schon etwas und wenn man sich alle Formalien wegdenkt bleibt im Kern ein bisschen Text übrig. Damit lässt sich kommunizieren.

Gewöhnliche E-Mail-Clients zeigen am Mobilgerät den Inhalt eines Postfachs in Form einer Liste der Nachrichten, wo in der Regel ein Bild des Kontakts, der Betreff und der Textbeginn zu sehen sind. Ein Tipp auf eine Nachricht öffnet diese dann Bildschirmfüllend. Möchte man antworten, rückt der empfangene Text nach als Zitat nach unten und oben erscheinen die Felder für das Verfassen einer neuen E-Mail. Aber warum die E-Mail-Kommunikation nicht auf ihren zentralen Textkörper beschränken und das E-Mail-Ping-Pong auch als solches darstellen? Insbesondere zwei Apps betreiben dieses Spiel ziemlich brauchbar.

Hop E-Mail Messenger

Hop Messenger

Diese App, die für iOS und Android kostenlos verfügbar ist, versteht die Verkleidung der E-Mail zu einem zeitgemäßen Messaging-Werkzeug in gefälliger Weise. Sämtliche Formalien werden ausgeblendet und der eigentliche Text ist in wechselseitig angeordneten Sprechblasen zu lesen (threaded view). Damit wird die Art von Konversationsansicht erreicht, die uns inzwischen so vertraut ist. Auch die Fähigkeiten etwas anderes als Text in der App zu erzeugen und handzuhaben sind sehr ausgeprägt. (Hier ein paar weitere Beobachtungen)

Großes Manko ist leider, dass die Einbindung eines beliebigen IMAP-Kontos nicht vorgesehen ist. Stattdessen verlangt die App bei der Einrichtung nach Verbindung mit einem GMail- oder Yahoo-Konto. Interessanterweise erfordert dies bei GMail aber die Aktivierung des IMAP-Zugriffs. Es sollte also ein Leichtes sein eine manuelle Konfiguration zu erlauben und so eine Verbindung mit einem E-Mail-Server abseits der großen Provider aufzunehmen. Dies ist aber von den Machern derzeitig nicht vorgesehen. Damit verpufft der Nutzen natürlich etwas.

(Update 22-Sept-2017) Inzwischen kann die App auch mit beliebigen IMAP-Postfächern betrieben werden.

Neben diesem Kern-Feature bietet die App ein paar Zusatzfunktionen, wie die Signalisierung des Gelesen-Status und eine Signalisierung, wenn das Gegenüber gerade eine Nachricht verfasst. Dazu müssen aber beide Seiten die Hop-App installiert haben. Auch das läuft der oben postulierten unabhängigen Leistungsfähigkeit der E-Mail entgegen. Grundlegend funktioniert die App aber auch mit E-Mails, die von einem beliebigen Client gesendet werden.

Mailwise

MailWise

Thread-Ansicht in MailWise

Nicht ganz so kosequent auf den Messenger-Look getrimmt, aber sich ebenfalls dem Label “clutter-fee messaging”; verschreibend, kommt MailWise daher, zur Zeit nur für Android. Auf den ersten Blick lediglich eine ganz gefällig gestalteter E-Mail-App, auf den zweiten Blick durch die entschlackte Konversationsansicht etwas Besonderes. Es sind keine Sprechblasen, aber man mit der Darstellung eine Unterhaltung trotzdem gut im Blick behalten und die eigenen von den empfangenen E-Mails gut unterscheiden.

Was mich dieser Anwendung gegenüber dem oben beschriebenen Hop den Vorrang geben lässt, ist die Fähigkeit sich per IMAP mit einem beliebigen E-Mail-Server abseits der großen Anbieter zu verbinden.

Die App ist in der Basisversion kostenlos und voll benutzbar. Es gibt eine Standardsignatur, die auf die den Empfänger auf die Anwendung hinweisen soll (Was im Allgemeinen eine ziemlich peinliche Unart ist, egal ob da steht “Sent from my iPhone”, oder sonst eine überflüssige Bekundung); Man kann sie aber beim Verfassen einer Nachricht löschen, jedoch nicht per Einstellung abschalten oder ändern. Diese Möglichkeit und noch ein paar andere Optionen bietet die Pro-Version, die als In-App-Kauf für 9,99 USD erhältlich ist.

Was mir noch auffiel ist das Fehlen einer Ordnerorganisation für das synchronisierte IMAP-Postfach. Mein bisheriger E-Mail-Client, K9-Mail bietet hier viel mehr Kontrolle. Alles in allem kommt die App aber sehr alltagstauglich daher (Hier ein paar weitere Beobachtungen) und ermöglicht die Verwendung der E-Mail als Kurznachricht ohne Weiteres.

(IPhone-Nutzer können noch einen Blick auf MailTime werfen.)

Ausblick

Auch wenn E-Mail so vieles kann und keine Grenzen kennt, ist bei den hier vorgestellten Anwendungen noch keine Verschlüsselung implementiert, womit sie Unterhaltung gewohnt unsicher bleibt. Das kann man den Entwicklern aber nicht vorwerfen, weil das Thema technisch sowieso noch zahlreiche Hürden birgt, besonders bei der Synchronisation über verschiedene Geräte hinweg. Zumindest dürfte derzeitig die Masse der Benutzer nach eigenem Bekunden ganz gut ohne Verschlüsselung auskommen, sodass eine Implementierung für die Entwicklung eines vordergründig Lifestyle-kompatiblen Produkts nicht attraktiv scheint. Diesem Manko ist auf anderer Ebene beizukommen und betrifft die gesamte Welt der elektronischen Kommunikation (hier findet sich ein guter Einstieg in die Thematik und hier etwas für die Praxis).

Für den kleinen Plausch im Alltag, Organisatorisches, Aufschlussreiches und sonst alles, was man mir zu sagen hat, ist mir also die E-Mail fortan sehr willkommen. Für Empfänger, die sich dieser Sichtweise noch nicht bewusst sind (und ihre sporadischen WhatsApp Nachrichten niedlicherweise mit “Hallo …” beginnen und mit “LG …” beenden) , könnte es etwas rau daher kommen, wenn in ihrer desktopartigen E-Mail-Umgebung ein Nachricht landet, die aus nur einem Absatz besteht und ohne Gruß und Verabschiedung daherkommt.

Update (26-Feb-2019)

Die Idee lebt weiter und weitere Anwendungen sind verfügbar. Zum einen stellt ein gewisser Rafael Laguna, der als Open-Xchange CEO überaus tief im Thema E-Mail steckt, seinen Ansatz unter dem Kürzel COI (Chat over IMAP) vor.

COI uses an email address and any IMAP server as its infrastructure. This means it can already connect 3.8 billion users - anyone with an email address. Developers can now concentrate on building clients for any device, in any language (Java, Swift, JavaScript, Dart, Kotlin, etc.), and let COI handle the communication. [coi-dev.org]

Bis dato eher eine Philosophie, die einlädt Entsprechendes zu entwickeln, aber mit dem Kern der oben geäußerten Überlegungen kongruent ist. Das IMAP-Handling soll dabei, wie das Manifest auf der COI-Website mitteilt, vom Delta Chat Core übernommen werden. Hoffen wir mal, dass die Entwicklung richtig losgeht.

Aufsetzend darauf gibt es aber auch schon eine App - Delta Chat, die sich sofort mit beliebigen IMAP-Postfächern gebrauchen lässt und so die gute alte E-Mail ins gewohnte WhatsApp-Gewand kleidet - ganz egal, ob die Gegenstelle es auch so benutzt oder sich in einer klassischen E-Mail-Umgebung bewegt. Noch trägt die Versionsnummer eine deutliche 0 vorne, aber ich hoffe, dass dieser Ansatz wächst und gedeiht.

DeltaChat

Updated: 22-Sept-2017

Veröffentlicht unter: article

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