Wie zwei Raumfahrtgeschichten meine Wertschätzung für unseren Planeten steigern

Dank des ganz brauchbaren Unterhaltungsangebots der Lufthansa habe ich mir in einer Höhe von immerhin 10 Kilometern über der Erdoberfläche jüngst gleich zwei Filme zu Gemüte geführt, deren Gemeinsamkeit darin besteht, dass sie sich sich darum drehen, wie der Mensch in einer 40 bis 4000-fachen Höhe sein Heil sucht. Die Aussage dieser beiden Filme führt bei mir zu ein paar Gedanken darüber, inwieweit das sinnvoll ist und warum die Erde nicht nur im Film die beste Raumstation für den Menschen ist. (Achtung, hier wird sicher etwas aus den Filmen verraten, was man nicht wissen will, ohne ihn gesehen zu haben.)

Was der Mensch im All will

Es strahlt Ruhe aus, wie zwei Astronauten in ihren weißen Raumanzügen im bläulichen Widerschein unseres Planeten mit bedächtigen Bewegungen an einem großen, metallglänzendem Objekt arbeiten. Dieses wiederum ist im Laderaum eines geöffneten Space-Shuttle angedockt, eine Astronautin macht sich auf einem filigranen Roboterarm stehend am empfindlichen Innenleben zu schaffen, während der männliche Kollege sie mit Hilfe von Stickstoffdüsen, die an seinem Raumanzug angebracht sind, frei umschwirrt. Von Höhe, Geschwindigkeit und lebensfeindlichen Bedingungen zeugt so nur wenig. Lediglich ist beim Hantieren mit Werkzeugen und Schrauben darauf zu achten, dass diese nicht unkontrolliert davonfliegen. Wir befinden uns in der Einstiegsszene des Weltraum-Thrillers Gravity, der kurz gesagt davon handelt, wie die Astronautin Ryan Stone (Weltraum-Novizin im technischen Einsatz) zur Erde zurückkehrt und Astronaut Matt Kowalski (Weltraum-Veteran in seinem letzten Einsatz) das zumindest versucht.

Unschöner Kontakt mit Weltraumschrott - Filmszene aus Gravity

Unschöner Kontakt mit Weltraumschrott - Filmszene aus Gravity

Das ist nämlich gar nicht so einfach. Aus einer Havarie zwischen einer Rakete und einem russischen Sateliten hervorgehend, entsteht ein sich durch Folgezusammenstöße vergrößerndes Trümmerfeld von Weltraumschrott, das sich mit hoher Geschwindigkeit bewegt und so auch die Mission der Astronauten bedroht. Plötzlich muss es ganz schnell gehen. Aber Einsteigen und nach Hause Fahren geht nicht. Die Last muss abgekoppelt, der Arbeitsarm eingefahren und das Space-Shuttle durch eine Schleuse betreten werden. Ferner kann man sich nirgendwo festhalten - Schon ein kleiner Impuls führt zu unkontrollierten Drehbewegungen und ein verlässliches Unten gibt es in der Schwerelosigkeit nicht. Letztlich wird es zum Verhängnis, dass Astronautin Stone noch zwei letzte Handgriffe erledigen möchte. Das Trümmerfeld zerstört das Space-Shuttle, lässt die gesamte Kommunikation zur Erde abreißen und tötet die sich darin befindliche Besatzung. Und nun?

In einem dramatisch inszenierten Mix aus Profi-trifft-auf-Neuling-Beziehung und wildem Weltraum-Cowboy-Ritt machen sich die beiden auf den Weg über verschiedene Stationen der bemannten Raumfahrt. Nachdem Stone der ewigen Kälte des Weltraums knapp entkommen ist, geht es zuerst per Düsenrucksack zur Raumstation ISS, wo sie erwarten mit einer der dort angedockten russischen Sojus-Kapseln zur Erde zurück zu gelangen. Dort angekommen müssen wir uns von Commander Kowalski verabschieden und zusammen mit Stone herausfinden, dass die Raumstation schon evakuiert ist, selbst schwer lädiert ist und die noch vorhandene Raumkapsel nicht mehr für eine Landung auf der Erde taugt. Während zumindest der Einstieg in das russische Gefährt gelingt, macht der zweite Umlauf des Trümmerfeldes der ISS den gar aus. Mithilfe der vorhandenen Handbücher lässt sich die 40-Jahre alte Technik der Russen ganz gut Bedienen, manövrieren lässt sich das Gefährt aber nicht mehr. Wohin? Zu einer (fiktiven, bzw. zukünftigen) Raumstation der Chinesen! Nach dem Missbrauch der Bremsdüsen der Sojus-Kapsel und einem Freiflug mit Hilfe der Schubkraft eines Feuerlöschers gelingt der Einstieg in die ebenfalls verlassene und sich im zerstörerischen Sinkflug in die Erdatmosphäre hinein befindliche Raumstation. Die Bedienung der hier vorhandenen Raumkapsel gestaltet sich im Vergleich zum Russischen Äquivalent etwas schwieriger, denn hier gibt es weder Handbücher noch lesbare Tastenbeschriftungen. Irgendwie gelingt es aber doch das Ding auf der Erde zu landen.

Cockpit der russischen Sojus-Kapsel

Cockpit der russischen Sojus-Kapsel [Lizenz CC BY 2.0]

Von einigen Abstrichen bei der Korrektheit und somit Logik dieses Fact-Fiction Werks abgesehen, hat der Film wirkliche Spannung aufgebaut. Aus der anfänglichen Ruhe und amüsant-sympatischen Beziehung zwischen den beiden so verschiedenen Astronauten (cool, abgeklärt und weise vs. tollpatschig, aufgeregt und etwas zur Selbstaufgabe neigend) wird ein Drama über den dünnen Draht den die bemannte Raumfahrt zwischen sinnvollen Aktivitäten und dem schnellen Tod im Weltraum entwickelt. In einer durauchs faszinierenden Parade wird vorgeführt, welche technischen Leistungen in der bemannten Raumfahr erzielt wurden, aber auch wie viel dabei schief gehen kann. In seiner Verdichtung wirkt der Plot etwas Übertrieben und könnte, wie man nach wenig Recherche in Erfahrung bringt, in Wirklichkeit nie passieren. In seiner emotionalisierenden Projektion auf eine einzelne, sympatische Person hat der Film aber bei mir mindestens eine Empfindung bestärkt.

Astronaut Feustel während der Mission STS-125 bei der Arbeit am Hubble-Teleskop [Lizenz public domain]

Das Objekt, das am Anfang des Films im Mittelpunkt steht, ist das bekannte Hubble-Teleskop. Eine großartige Einrichtung, die dem Menschen ermöglicht hat den Blick noch weiter über das uns umgebende Universum zu richten. Dieses Beobachtungswerkzeug würde ich zu den großen und sinnvollen Leistungen der Raumfahrt zählen. Und tatsächlich gab es diverse, teils immens aufwändige Service-Einsätze an dem Weltraumteleskop, was den Bogen zu der Notwendigkeit schlägt, Menschen dorthin und wieder zurück zu bringen. Die damit einhergenden komplexen Entwicklungen, sind große Leistungen menschlicher Denker und Ingenieure.

Eines der berühmtesten Bilder des Hubble-Teleskops, die “Säulen der Schöpfung” [Lizenz public domain]

Allerding steht mit Blick auf die gesamte Raumfahrtindustrie die Frage nach dem Verhältnis zwischen Aufwand und Nutzen verschiedener Programme deutlich im Raum. Besonders in den 60er- und 70er Jahren wurde Raumfahrt zu Prestigezwecken installiert und auch in den folgenden Jahrzehnten haben sich aufstrebende Staaten, wie Indien oder China mit bemannten Missionen geschmückt, deren Notwendigkeit nicht auf der Hand liegt. Diversen Forschungsergebnissen stehen immense Ausgaben gegenüber, die die Lösung massiver Probleme auf der Erde keinen Deut vorangebracht haben. Man sollte aber nicht den Fehler machen alles in einen Topf zu werfen. Ohne Satelliten wären viele Annehmlichkeiten unseres Alltags nicht denkbar und ohne z.B. die Arbeit der Astronauten an dem oben beschriebenen Teleskop, wären uns faszinierende und aufschlussreiche Ausblicke verwährt. Vielleicht ist es vor diesem Hintergrund zu begrüßen, dass in den 2000er Jahren ein Punkt erreicht war, wo sich kein Staat den Luxus vergleichbarer, bemannter Programme geleistet hat. Inzwischen lebt das Thema Raumfahrt wieder etwas auf. Es dabei aber mehr von Kooperationen, privatwirtschaftlichem Engagement und echtem Forschungsneuland geprägt.

Die Suche nach einer besseren Welt

Szenenwechsel in eine fiktive aber nicht allzu ferne Zukunft, in der man notgegrunden von teuren Raumfahrtprogrammen offiziell Abstand genommen hat. Zu schwer wiegen die Probleme auf der Erde, die vor allem von desaströsen Klimaverschlechterungen (die zum Beispiel zu Erosion und schweren Sandstürmen führen) und Krankheiten, die ein Nutzgras nach dem anderen vernichten (z.B. Mehltau). Ingenieure sind nicht mehr gefragt, Farmer die dem Boden das letzte bisschen Abtrutzen aber schon. Keine guten Aussichten.

Trotz ländlicher Idylle keine guten Aussichten zum Beginn von Interstellar

Das hat Experten dazu veranlasst im Verborgenen an einer Lösung mithilfe der Raumfahrt zu arbeiten. Ein harter Kern der ex-NASA hat glücklicherweise diverse Exoplaneten ausgemacht und dorthin zwölf Forscher geschickt, die die Tauglichkeit für menschliches Leben untersuchen und einfaches ‘Ja’ oder ‘Nein’ zur Erde schicken sollten, ohne die Chance zur selbstständigen Rückkehr zu haben. Den immerhin 3 positiven Rückmeldungen soll ein besser ausgestattetes Team folgen, mindestens eine Kolonie gründen und den Planeten mithilfe möglichst diverser, im gefrorenen Zustand mitgeführter Eizellen bevölkern. Der bevorzugte Plan des Wissenschaftlerteams, der auch die Rettung eines großen Anteils der bestehenden Erdbevölkerung erlauben würde, sieht die Verwendung riesiger Raumstationen vor umd Menschen zu den neu bevölkerten Planeten zu bringen. Die müssten auf der Erde gebaut und durch Graviatationsmanipulation ins All befördert werden, wozu zum Handlungszeitpunkt noch einige theoretische Ergebnisse hinsichtlich der Vereinigung von Quantenphysik und Gravitation fehlen.

Diese Ausgangsposition trifft im Film Interstellar auf den ehemaligen NASA-Piloten Cooper (der sich notgedrungen vor allem mit der Automatisierung von Mähdreschern und Schleppern beschäftigt). Das Problem der immensen Entfernungen wird im Film durch ein praktisches Wurmloch nahe Des Saturns gelöst, das die Abkürzung des Wegs in die Zielgalaxie erlaubt; hier und da auftretenden Reise- und Wartezeiten wird durch die Möglichkeit eines Kälteschalfs in einer Art Plastiktüte begegnet. Schon kann das Abenteuer losgehen. Besondere Würze erhält die Handlung durch das Zusammenspiel der unterschiedlichen Charaktere in der Delegation, zwei schlicht geformte aber wortgewandte Blechkästen, den lustigen Effekten der Zeitdilatation, menschliche Abgründe und die Entdeckung von etwas so unphysikalischem wie der Liebe als die einzige Komponente, die zuverlässig durch Zeit um Raum wirkt. Am Ende liegt die Lösung für alles im Inneren des ziemlich futuristisch eingerichteten schwarzen Lochs.

Nun ja, Es ist halt ein klassisches Science-Fiction-Abenteuer, das durch seine plausible Darstellung einer düsteren Zukunft für das Erdenklima zu erschrecken vermag, weil hier eben nicht die ganze Erde und deren Bewohner in einem plötzlichen, kastastrophalen, filmreifen Akt zugrunde gehen, sondern eine allmähliche Entwicklung skizziert wird, deren Anfänge in der realen Gegenwart vielleicht schon gemacht sind.

Als neues Zuhause ener nicht geeignet – Station Nr.1 für die Weltensucher ohne Erfolg – Filmszene aus Interstellar

Das Problem: Die gefundenen Planeten machen nicht gerade Lust auf einen Umzug. Der eine wartet mit einer ammoniakschwangeren Atmosphäre auf, einer Gravitation, and die man sich beim Blick auf die Waage erst einmal gewöhnen müsste und einem zerklüfteten Eispanzer unter dem, wie sich herausstellt, leider nichts zu finden ist, was die Anreise der Delegation im Film begründet hätte. Der zweite ausführlich vorgestellte Kandidat ist immerhin voll Wasser, nur leider fehlen die Küsten. Das einzige was auf der Oberfläche dieses Kanditaten zustande kommt, sind berghohe wellen, die alles unter sich begraben. Lediglich der dritte Planet erlaubt, wie ganz kurz gezeigt die Ansiedlung einer Kolonie, kann aber in Sachen Ausstattung nicht mit der Erde mithalten.

Als neues Zuhause ener ebenfalls nicht geeignet – Station Nr.2 für die Weltensucher ohne Erfolg – Filmszene aus Interstellar

Geschärfter Blick auf das, was wir haben

Ich habe zwei sehr unterschiedliche Filme gesehen, die in schönen Bildern die Aktivitäten des Menschen im uns umgebenden, erschlagend großen und prinzipiell lebensfeindlichen All thematisieren – Im Fall von Gravity eher auf die raumfahrerische Gegenwart bezogen, im Fall von Interstellar eine nichts beschönigende Vision einer Zukunft außerhalb unseres Zuhauses. In Summe unterstreichen sie beide eine Tatsache: Unser Planet ist keien Selbstverständlichkeit und Wertschätzung ist angebracht.

Zum einen gilt das für die lebenserhaltenden Einrichtungen, die vermeintlich einfach und schon immer da sind – Nähe zur Sonne, Ausrichtung zur Sonne, Rotationsgeschwindigkeit, Umlaufgeschwindigkeit, Zusammensetzung der Atmosphäre, Schutzfunktion der Atmosphäre, Vorhandensein von Wasser und Sauerstoff und diverse Kreisläufe zum allgemeinen Erhalt. Hinzu kommen unterschiedlichste Rohstoffe, von denen Ausgehend in den letzten 150 Jahren immense technische Entwicklungen möglich waren, die auch dem Komfort, Luxus und Wohlstand dienen. Dabei scheint aber das Bewusstsein für den Zustand des Planeten und die Endlichkeit diverser Ressourcen verloren gegangen zu sein. Der Blick auf die Umweltverträglichkeit war und ist stets erst der zweite Schritt, nachdem man sich an gewisse neue Möglichkeiten schon gewöhnt hatte. Da können Kenner und Skeptiker noch so sehr darüber diskutieren, ob der Mensch wirklichen Einfluss auf beispielsweise etwas so gewaltiges wie das Weltklima haben kann – die Antwort wird aufgrund eben jener Komplexität keinesfalls schnell zu erbringen sein. Fakt ist jedoch, wenn sich jeder Mensch den Ressourcenverbrauch der “führenden” westlichen Staaten aneignen würde, die Erde dies nicht bedienen könnte. Auch wenn der Mensch an summierter Biomasse anderen Spezies, z.B. der Summe aller Ameisen unterlegen ist, hat er doch seinen Stempel der Erde deutlich aufgedrückt.

Nicht unwahrscheinlich scheint daher der desaströse Zustand, der am Anfang von Interstellar steht. Und obwohl hier die Fantasie der Autoren mit ein paar ausgedachten Kniffen eine Art Lösung geshaffen hat, kann man sich nicht darauf verlassen nach dem “Verbrauch” der Erde aus eigener Kraft einfach weiterziehen zu können.

Dem gegenüber steht heute eine Konsumgesellschaft (zumindest da, wo ich lebe), wo man sich eher an den (zur Zeit noch vorhandenen) Möglichkeiten orientiert, als an wirklichen Notwendigkeiten: Warum ein Auto mit 105 PS, wenn es auch eines mit 220 PS gibt? Warum im Urlaub Europa kennenlernen, wenn man auch nach Bali fliegen kann? Warum das Smartphone verwendent, bis es nicht mehr funktioniert, wenn nächste Woche ein neues herauskommt? Warum ein Haus mit 100 m² bauen, wenn man auch einen Kredit für eines mit 230 m² bekommt? Warum auf irgendetwas verzichten, was bezahlbar ist und die anderen auch machen? Raffinerien, Goldminen, Bohrinseln, Kohlekraftwerke und Gerbereien im chinesichen Hinterland werden nich für Unternehmen under “die da oben” gebaut, sondern in letzter Instanz für die Summe aller Konsumenten. Jeder hat also in der Hand, wie sein Anteil zum Abdruck auf der Erde aussieht. Es ist jedenfalls sehr unwahrscheinlich, dass man sich im Falle des schmerzhaften Ausbleibens der Grundlage für diesen Komfort, wie es bei Interstellar grob skizziert wird, darüber ärgert nicht noch ein bisschen mehr mitgenommen zu haben.

Lake Powell, ein Stausee am Colorado River an der Grenze zwischen Arizona und Utah, Vereinigte Staaten – Drehort der Landung in Gravity [Lizenz public domain]

Und noch etwas anderes: Nach allem was Astronautin Stone in den 90 Filmminuten von Gravity erlebt hat, fühlt man so dankbar und froh mit ihr, als die Kapsel heil in einem See landet. Sie kriecht ans Ufer, spürt den roten Lehm, das vertraute Wasser, sieht die Berge vor blauem Himmel und ist zu Hause! Das ist unsere Erde nämlich – ein perfektes Zuhause, bei dem alles zusammen passt und vor allem zu dem Bedürfnis des Spezies Mensch. So gesehen eine riesige Raumstation die sich inmitten einer mit menschlichem Leben nicht kompatiblen Umwelt befindet. Wenn doch erhebliche Bemühungen, Know-How und Mittel dafür erforderlich sind Menschen ins All und heil wieder zurück zu bringen, kann mir niemand erzählen, dass die Erde in aller Perfektion einfach so und eher zufällig zur Verfügung steht.

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