Das Betriebssystem meiner Wahl und ich in einer Retrospektive

Irgendwann im Sommer 2012 war es soweit: Ich entschied mich mein Produktiv-System (klingt wichtig, aber tatsächlich habe ich überhaupt nur einen Rechner im Betrieb, probiere diesen aber stets produktiv zu nutzen) vollständig auf Linux umzustellen und habe seitdem, also knapp zweieinhalb Jahren weder etwas daran geändert, noch denke ich für die Zukunft davon abzurücken. Was ist dem vorausgegangen und wie sind meine Erfahrungen damit? Darum soll es hier kurz gehen. Anlass für dieses Fazit ist der aktuell anvisierte Schritt hin zu einer anderen Distribution und damit verbunden ein Neuaufsetzen des Systems.

Mein Heranwachsen

Digitalisiert (der digitale Aspekt der Sozialisierung) wurde ich “ganz gewöhnlich” in der Windwoswelt. Das begann mit einem alten 486er aus dem Hause GOUPIL den ich irgendwann im Jahr 1997 geschenkt bekam, also als ich ungefähr 9 war. Darauf habe ich von einem beachtlichen Diskettenstapel noch Windows 3.1 installiert, wenn damals auch schon nicht mehr ganz auf Höhe der Zeit. Das betrieb ich aber nur optional (es ist ja eigentlich auch nur eine graphische Betriebssystemerweiterung für MS-DOS). Zum Starten diverser Spiele und für alle Dateioperationen reichte auf jeden Fall der Norton Commander. Das alles hat sich tief in meine Erinnerung eingegraben. Ich sehe noch diese große anthrazitfarbene Tastatur mit grauen Taste und dem dicken Spiralkabel vor mir, und das tiefe blau des Norton Commanders, die pixilig-bunte Grafik von “PraehistoriK 2” oder “Prince of Persia”. Hach, ich wünschte, ich hätte diese Maschine noch irgendwo.

Tastatur, wie sie damals zum GOUPIL G5 gehörte Tastatur, wie sie damals zum GOUPIL G5 gehörte Bildquelle (c) deskthority.net

Weiter ging es mit verschiedenen seelenlosen grauen Kästen, betrieben von Windows 98 und später natürlich mit XP. Mit dem Anschluss meiner Familie an das Internet (56k) wanderte der PC aus meinem Zimmer ins Wohnzimmer. Teils als elterliche Vorsichtsmaßnahme, teils aber auch weil ein Verständnis und Interesse für die Nützlichkeit von PCs auch bei anderen Familienmitgliedern erwachte.

Vermutlich auch deswegen hatte die Thematik stets einen ausgewogenen Stellenwert. Ich kannte genügend Beschäftigungen abseits des Rechners und wurde auch nie ein intensiver Spieler. Die Stunden, die ich “Age of Empires”, “Empire Earth”, “Anno 1604”, “Sim City 2000, 3 und 4”, “Monkey Island”, “Indiana Jones”, “GTA 2, III, VC und SA”, “Mafia” (ich bin hauptsächlich herumgefahren und habe die freie Welt genossen, ballern mag ich nicht), “Die Sims”, “Driver”, “Need for Speed III HP, HP2, Underground und Most Wanted”, “Midnight club”, “N.I.C.E.”, “Collin McRae” u.a. gewidmet habe waren immer etwas besonderes, weil nicht unendlich verfügbar.

So ist mir nach dem Ende der Schule und dem beginnenden Studium der Aspekt der Spiele bei der Computerbenutzung ganz und gar abhanden gekommen und andere Aktivitäten traten in den Vordergrund, die vorher nicht in dem Maße erforderlich oder möglich waren: Informatiosmanagement, Medienkonsum, Textverarbeitung, Datenverarbeitung, Fotobearbeitung. Irgendwann zu beginn des Studiums schaffte ich mir mein erstes Notebook an, welches dann mit Windows 7 lief. Ein gewisser Minimalismus trat zu Tage. Ich betrachte PCs als Nutzgegenstand, der den Notwendigkeiten zwar mit größter Effizienz nachkommen können soll, aber in seiner Ausstattung nicht den sich stets erneuernden Möglichkeiten entsprechen muss. Außerdem stellte sich heraus, dass ich nie wieder etwas anderes als ein Notebook verwenden möchte. Den Komfort stets alle Peripherie dabei zu haben, auch an anderen Orten als dem Schreibtisch weitgehend arbeitsfähig zu sein und dabei auf ein Design zurückzugreifen, das zur Energieeffizienz gezwungen ist, will ich nicht mehr missen. Selbst beim lokalen Betrieb muss man dank Dockingstation auf nichts verzichten und hat zusätzlich eine unterbrechungsfreie Stromversorgung mit eingebaut.

Irgendwann während des Studiums habe ich mir ein mittelklassiges Businessnotebook zugelegt, das zuerst auch mit Windows 7 lief. Aus verschiednen Motiven, auf die ich im Weiteren noch etwas eingehe, habe ich aber schon lange einen Blick auf alternative Betriebssysteme geworfen und irgendwann auf einer Partition Linux Mint installiert (was auch immer damals aktuell war). Im Alltag ist davon aber nicht viel angekommen. Natürlich konnte ich bei jedem Hochfahren des Rechners entscheiden, was booten soll, aber niemals pflegt und benutzt man zwei Betriebssysteme gleichzeitig. Von daher fristete die Linux-Installation ein Schattendasein und verbrauchte in erster Linie wertvollen Festplattenplatz. Irgendwann reichte es mir. Getrieben von ganz pragmatischem Platzbedarf und der Gefahr einer Beschädigung der Boot-Tabelle kühn und erwartend ins Augbe blickend löschte ich in stümperhafter Manier die Linux-Partition aus Windows heraus. Schon beinahe froh darüber nun einen Anlass zu haben verschwendete ich keine Zeit mit Wiederherstellungsbemühungen sondern schaufelte mithilfe eines Live-Linux alle wichtigen Daten von der Platte um Platz für die eine Karte zu schaffen, auf die ich mich entschlossen hatte zu setzen und mein erstes 100%-Linux-System aufzusetzen.

Warum Linux - 5 persönliche Antworten

Die Vorteile von FOSS (free & open-source software) werden oft beschworen, auch auf Betriebssystemebene. Und doch ist der Marktanteil im Desktopbereich mit 1.5% [Quelle] nach wie vor verschwindend gering. Offensichtlich gibt es also schwerwiegende Gründe, die die Masse davon abhalten die Verwendung solcher Software in Erwägung zu ziehen.

Ich möchte hier kein objektives und umfassendes Für und Wider auflisten und auch keine Diskussion wiedergeben, die sicherlich jeden Tag in irgendeinem Forum dutzendfach geführt wird (v.a. bei Nachrichten über entsprechende Projekte im öffentlichen Raum oder sehr Artikel über Probleme bei OSX oder Windows), sondern kurz auf die für mich ausschlaggebenden Faktoren eingehen.

Unabhänggikeit - Zum Zeitpunkt des Umstiegs warf gerade Microsoft Windows 8 seine Schatten voraus und damit der Wegfall des zum Gesetz gewordenen Startmenüs und einer auf Touch-Bedienung gestrimmten Modern UI. Es ist nicht so, dass ich mich neuen Bedienkonzepten und Neuentwicklungen sperren würde, aber dieses Beispiel machte doch deutlich: Wenn man sich auf einen Hersteller verlässt, ist man dessen Entscheidungen ausgeliefert. Und weiter geht es mit dem Ausblick auf ein Abo-Modell für Windows 10 [Quelle], wie dies schon für Office 365 Realität ist. All diese Unternehmen, die sich bemühen ein ganzheitliches Ökosystem zu etablieren, haben natürlich ein Interesse daran, dass Nutzer darin verweilen. Gemeinnützigkeit und der Abbau von Barrieren zwischen den Systemen stehen nicht auf der Agenda. Nun ist auch die FOSS-Community nicht ein homogener Haufen, wo alle sich lieb haben und jeder freut sich wenn seine Entwicklung Aufmerksamkeit genießt, aber man nie von den Entscheidungen einzelner, monopolischer Organisationen oder sogar Personen sein, wenn es darum geht, wie ich meinen Rechner benutzen möchte.

Wahlfreiheit - Der erste Punkt führt unmittelbar zu diesem Teilaspekt der FOSS-Welt. Ich bin kein Entwickler / Informatiker / Programmierer und Quellcode (abgesehen von Markups in HTML/CSS) erschließt sich mir persönlich kaum. Ich selst werde also nie in der Lage sein dahingehend zur Allgemeinheit beizusteuern oder das Werk eines anderen zu überprüfen. Aber andere können und tun das, aus Spaß an der Sache und aus Überzeugung. Das führt zu einer Vielzahl von Distributionen, Desktopumgebungen und Tools für alle Anlässe. Manchmal bedauere ich, dass bestimmte Ziele von Entwicklern auf unterschiedlichen Wegen zur parallel versucht werden zu erreichen. Ich bilde mir ein, eine Bündlung der enormen Fähigkeiten solcher Gruppen, könnte freie Software besser voranbringen und zu einer besseren Außenwirkung verhelfen. Andererseits müsste dann aber die Frage beantwortet werden: Was ist der richtige Weg, was ist die richtige Distribution, was ist die einzig wahre Desktopumgebung? Das kann und will niemand. Und so bleibt die Vielfalt als Stärke im Raum stehen, verlangt einem bei entsprechenden Entscheidungen ein bisschen Sorgfalt ab, gewährleistet aber ein auf die eigenen Interessen zugeschnittenes System.

Anspruch - Ich bin nicht in der Lage ein Betriebssystem und das Zusammenspiel mit Treibern, Bibliotheken und sichtbaren oder unsichtbaren Programmen in all seinen Details zu erklären. Ich kompiliere oder modifiziere angesichts mangelnder Kenntnis auch nichts. Und ich bin auch kein Hexenmeister am Terminal. Dennoch fühlt es sich für mich zu einfach an, wenn alles reibungslos und vorgefertigt nur deswegen funktioniert, weil jemand anders es so verkauft. Auch wenn es in meinem Leben Wichtigeres gibt, als in die Tiefen des bloßen Betriebssystems hinabzusteigen, ist mir ein seichter Blick hinter die Kulissen doch sehr recht. Probleme lassen sich bei Linux (wie auch bei anderen Plattformen) nicht ausschließen, aber es ist ein tolles Gefühl ein solches - oft mit Hilfe einer gewaltigen Community - zu lösen und etwas dazuzulernen. So habe ich die Hoffnung, dass es ommer gelingen wird, meinem Rechner eine aktuelle und individuelle Oberfläche zu verschaffen. Das ist doch besser als sich beispielsweise in ein “Dann bleib ich halt bei Windows 7” zu flüchten.

Minimalismus - Flink, schlank, unaufdringlich und funktional soll ein Betriebssystem mit der dazugehörigen Desktopumgebung sein. Anforderungen bezüglich SecureBoot und Lizenzmanagement nerven, Systeminstallationen im zweistelligen Gigabytbereich halte ich für unelegant, Klicki-Bunti-Effekte des Desktops stören mich genauso wie hässliche Utility-Software für Drucker oder Grafikkarten. Das alles lässt sich bei Linux gut einhalten. Auch braucht es meiner Meinung nach nicht für jede kleine Funktion (z.B. Dateikonvertierungen, Skalierung von Bildern, Systemmonitoring) eine grafische Oberfläche, wenn eine schnell dahingetippte Terminalzeile das gleiche bewirken kann.

Abgrenzung - Das ist wohl die emotionalste Komponente in dieser Aufzählung. Der Benutzung und Propagierung von Linux haftet nach wie vor etwas Geekhaftes und Nerdiges, vielleicht sogar Elitäres an. Es sind halt nur 1.5% der computerbenutzenden Welt[Beleglink], die sich da heran wagen - ob Vorreiter oder Zurückgebliebene, sei mal dahingestellt. Es wäre großartig, wenn mehr Menschen die Vorteile erkennen, bzw. die Nachteile der kommerziellen, proprietären Systeme nicht ausblenden würden und sich die Nutzerbasis vergrößerte. Zur Zeit fühlt man sich als Teil einer Bewegung, ein solider Hipster. Nun ja, für etwas hipsterhaftes (im positiven Sinn) fehlt es der Linux-Welt wohl etwas an Dynamik. Zwar gab es allein in den letzten 5 Jahren gewaltige Verbesserungen in der Usability, sodass das frühere Vorurteil eines Frickelsystems nicht mehr gilt, aber es ist dennoch eher ein nunmehr 30 Jahre andauerndes Vorsichhinköcheln, als eine Innovation mit Paukenschlag. Entsprechendes Marketing gibt es auch nicht (wobei Canonical mit seinem Ubuntu dahingehend einen guten Weg beschritten hat und viel für die Linux-Welt getan hat ). Aber mit der Benutzung von Linux geht mehr Begeisterung und Entdeckerfreude einher, als das heutzutage mit MacOS oder Windows sein könnte.

Zweieinhalb Jahre Ubuntu

Die Entscheidung fiel - wie bei vielen die ihrem Interesse durch eine Installation Ausdruck verleihen - auf Ubuntu mit dem Unity-Desktop (damals 12.04 LTS). Auch wenn der Ruf von Canonical, dem Unternehmen hinter der Distribtion Ubuntu, in der Linuxwelt nicht einwandfrei ist, so kann man ihnen doch nicht in Abrede stellen eine gut zugängliche Distribution etabliert zu haben. Die Paketverwaltung ist einfach gehalten, der Standard-Desktop “Unity” ist ohne viel Einstellungsaufwand ganz praktisch und im Grunde ganz schick.

Desktop Ubuntu 12.04 LTS mit Unity Desktop Desktop Ubuntu 12.04 LTS mit Unity Desktop

Nun hängt das Maß der Umstellung oder sogar Einschränkung, das man bei dem Umstieg auf Linux empfinden mag sehr davon abhängig, was man denn gewohnt ist mit seinem Rechner zu tun und womit. Für meinen Fall fühle ich mich in folgenden Bereichen bestens aufgehoben

Ein paar Sachen, die nicht reibungslos gelaufen sind

Auf neuen Pfaden und zurück

Nach diesen zweieinhalb Jahren entstand in mit der Drang eine kennermäßige Veränderungen vorzunehmen. Ununtu gilt nunmal als Einsteiger-Distribution und erschien mir irgendwie unnötig bunt und überladen. Arch sollte es werden, welches wiederum als sehr schlanke und hoch-konfigurierbare Distribution gilt. Angezogen hat mich auch das Rolling-Release-Prinzip. Es gibt also keine Hauptversionen, deren Wechsel immer einen ziemlich großen Schritt darstellt, sondern das gesamte Betriebssystem wird kontinuierlich aktualisiert, die einzelnen Pakete sogar meist ein ganzes Stück bevor sie in anderen Distributionen ankommen. Um es mir etwas einfacher zu machen habe ich mich für das Derivat Antergos entschieden, das einen zugänglichen Installer und gleich ein paar Desktops mitbringt. Da habe ich mich wiederum für Cinnamon entschieden, das Anpassbarkeit, Minimalismus und Funktionsumfang zu verinen schien.

Ich bin dabei gescheitert, muss ich zu meiner Schande gestehen. Woran es lag? Dazu werde ich mic an anderer Stelle ausgelassen. So blieb es bei einem Ausflug. Ich bin jetzt zurück bei Ubuntu und fühle mich dort wohl und produktiv. Mal schauen, was die nächsten Jahre so bringen.

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