Berufseinstieg hinter den Kulissen

Neulich hat mich ein Freund befragt, der jetzt kurz vor dem Master-Abschluss steht. Es beschleiche ihn eine gewisse Unsicherheit und die Befürchtung im Umfeld der ersten “richtigen” Anstellung nur allzu leicht dumm dazustehen. Da sich zur Zeit unseres gemeinsamen B.Eng.-Abschlusses unsere Wege trennten und ich nun “schon” über zwei Jahre im Berufsleben stehe, bin ich ein Ansprechpartner. Hier sind Auszüge meiner Antwort.

Fünf Jahre Elektrische Energietechnik in allen Facetten, in zahlreichen Frontal-Vorlesungen, Übungen, Laboren, Klausuren und Hausarbeiten und trotzdem nicht das Gefühl im Berufsleben sicher starten zu können?

Nun ja, ein bisschen was ist da leider dran. Das Studium bemüht sich natürlich Ahnung von allen Dingen zu vermitteln, die mit dem Thema in Form einer Studiengangsbezeichnung zu tun haben. Manches kommt dabei zu kurz, anderes wird in einer Art und Weise erarbeitet, dass eine theoretische Tiefe erreicht wird, die sich schwer behalten lässt. Bei alldem ist das Engagement des Studierenden sicherlich ein wichtiger Faktor. Nur Klausuren zu bestehen und sich dann in der Summe Ingenieur zu nennen ist sicherlich keine ausreichende Motivation. Es ist Begeisterung und selbstständige Einarbeitung nötig - so sieht es die Ordnung des Studiengangs vor. Jedoch ist klar: Nicht jede Veranstaltung hat das gleiche Gewicht; im Allgemeinen nicht, und erst recht nicht im Hinblick auf eine spätere spezialisiertere berufliche Tätigkeit. Wie soll man wissen, was später tatsächlich wichtig ist und welche Fragestellungen es vorrangig zu bearbeiten gilt?

Hinzu kommt, dass ein Tag, eine Woche, ein Semester und letztlich das ganze Studium erfahrungsgemäß schneller um ist, als man jedes Script nebst weiterführender Literatur mit gebotener Aufmerksamkeit aufnehmen kann. So steht man am Ende da, froh und glücklich über das Geschaffte, aber mit dem unguten Gefühl auf dem Papier mehr Kenntnis zu haben, als es der Kopf - gefüllt mit allerlei Erinnerungen und Wissensschnipseln - vermuten lässt. Damit auf in das Berufsleben? Ist es das, was manche Stimmen den reformierten Bachelor-/Master-Abschlüssen, insbesondere in den Ingenieurs-Wissenschaften vorwerfen? Ist man bei der ersten Frage der zukünftigen Kollegen, die man nicht aus dem Stegreif zu beantworten weiß, unten durch und der Depp vom Dienst?

Nein, keine Angst! Ich glaube, der Übergang vom Studium ins Berufsleben geht seit jeher mit einer gewissen Anspannung einher und dabei macht es keinen großen Unterschied, ob man es bis zum Bachelor oder Master getrieben hat oder gar zur alten Riege der Diplom-Träger gehört. Fakt ist, dass man nicht aufhört zu lernen. Einarbeitung und Konzentration auf ein Themengebiet sind an einer neuen Stelle auch für einen erfahrenen Kollegen nötig. Das wissen alle. Die Möglichkeiten sich zu profilieren und sich zu beweisen kommen ganz sicher, aber nicht am ersten Tag.

Wissen, wo was steht. Das ist schon sprichwörtlich und durchaus zutreffend: Man muss nicht alles wissen, sondern nur wissen wo es steht. Das Studium vermag uns nicht so sehr mit 100%-ig umfassendem Wissen ausstatten, aber gut mit der Fähigkeit, Sachverhalte unseres Fachbereichs zu beurteilen, Begriffe sauber zuzuordnen und technische Möglichkeiten nennen zu können. Damit sollte man schnell in der Lage sein, die benötigte Information ausfindig zu machen. Verschiedene Quellen sind denkbar: Nachschlagewerke, Normen(!), Fach-Zeitschriften, Fachportale im Internet, Scripte aus dem Studium, allgemeine Informationen von Herstellern usw. Wenn man etwas nicht genau weiß, so darf man das zugeben. Eine allgemeine Antwort und das Angebot Genaueres im Nachgang herauszufinden ist legitim. Hilfreich ist dabei eine eigene Sammlung von Notizen und Ausschnitten in einer gewissen Sortierung, sei es auf Papier oder digital (Evernote etc. oder ein eigenen kleines Wiki)

Frischer Wind. Auch wenn die Kollegen erfahrener sein mögen, so kommt man als Absolvent ja nicht als ein gänzlich Unwissender daher. Man kann staunen, welche Lücken sich bei den Kollegen auftun (ohne gehässig zu sein). Nach jahrelanger Spezialisierung oder Führung ist manches, was im Studium vermittelt wurde, einfach nicht mehr so präsent. Hinzu kommt gewisse, durchaus fundierte Erfahrung, die man als Student der Elektrotechnik aus bestimmten Tätigkeiten mitbringt (Ausbildung, Praxis-Semester). Wo immer man etwas Nützliches beisteuern kann, sollte man damit nicht hinter dem Berg halten. Wenn man sich mit einem Thema besonders auskennt, so wird das von den Kollegen geschätzt und schnell gilt man als ein Spezialist im Team. (Solches Wissen kann sich übrigens auch auf allgemeine Büro-Kompetenz wie Excel beziehen.) Wo man Chancen hat, sollte man sie nutzen, sich zu profilieren. Ein gewisser Ehrgeiz bei Bearbeitung von aufgetragenen Problemstellungen ist ein hinreichender Antrieb, der Sache in aller Ruhe Hand und Fuß zu verleihen.

Insider. An keinem Arbeitsplatz der Welt wird die gesamte Fachbereichs-Kompetenz gleichzeitig gefordert. Das Unternehmen und erst recht die einzelne Stelle wird eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen haben, sei es eine bestimmte Technologie oder bestimmte Planungsschritte und meist nur leicht veränderte Szenarien. Sobald dies offensichtlich ist, sollte man seine Kenntnisse hierhingehend vertiefen. Einerseits hinsichtlich der Fachkenntnis, andererseits hinsichtlich der unternehmensspezifischen Handhabung. Wie wird hier gearbeitet, welche Methoden und Standards kommen zur Anwendung, was sind die Grundlagen, wie sind die internen Abläufe, wer hat Ahnung wovon, wie ist die Projekt-Historie? - Das sind Fragen, die man möglichst schnell zu beantworten wissen sollte. Dann wird man schnell mitreden und die richtigen Leute fragen können.

Wer schreibt, der bleibt. Das ist nicht fachspezifisch, erleichtert aber den Einstieg auf jeden Fall: Gute schriftliche Kommunikation ist unerlässlich. Es lohnt sich Sachverhalte, die es mit anderen abzuklären gilt, ausführlich darzulegen. Entscheidungen, die man anderen mitteilt, sollten stets begründet sein. Bei Fragen und Bitten sollten Hintergrund und Stand der Sache erkennbar sein. Auf Nachdenken und ein wenig Zeit sollte auch für kurze E-Mails und Memos nicht verzichtet weden. Auf der Eingagnsseite sollte man gut sortieren und vom ersten Tag an eine ordentliche Ablage führen. Damit bleibt die geführte Korrespondenz stets nachvollziehbar und es gelingt besser im Bilde zu sein.

Gut Freund. Wohin auch immer es einen verschlagen wird, gilt es von Anfang an die Kollegen durch Menschenfreundlichkeit zu gewinnen. Sei respektvoll, aber nicht verkrampft, sei freundlich, aber kein Schleimer, sei humorvoll, aber nicht albern, sei demütig, aber kein Feigling, sei kein Einzelgänger, aber auch nicht unselbstständig. Klar machen dies die einem gegenüberstehenden Charaktere mal leichter und mal weniger leicht. Aber was immer zu bereden oder zu fragen ist, der Ton macht die Musik. Und wenn mal etwas daneben gegangen ist, oder korrigiert werden muss, so fühlt sich das bei wirklichen Kollegen wesentlich angenehmer an. Pausen und außerbetriebliche Ereignisse können eine wertvolle Platform sein, die anderen Kennenzulernen.

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